11. Juli 2018

Das besondere Turnier

56 Prüfungen vom Vormustern bis zur schweren Klasse, nahezu 300 Reiter und Reiterinnen aus neun Nationen, 12 Hektar Veranstaltungsgelände, eine Pferderasse - nur einige Eckdaten des Trakehner Bundesturniers vom vergangenen Wochenende im Reiterstadion von Hannover. Martin Plewa, der ehemalige leitende Bundestrainer der Vielseitigkeitsreiter und vor Ort als Richter aktiv, brachte es auf den Punkt: "Das Turnier ist schon etwas Besonderes." Ausgeschrieben hatte der Trakehner Verband auch Qualifikationsprüfungen zum Bundeschampionat Anfang September in Warendorf.

Die Geländepferdeprüfung der Klasse A** für die Jahrgänge 2012 bis 2014 gewann der fünfjährige Fuchswallach Ivo Golden-Rouge, ein Sohn des Banderas aus einer Sir Chamberlain-Mutter, der von seiner Besitzerin Julia Schatzmann vorgestellt wurde. Martin Plewa erläuterte im Gespräch die 9,00: "Ivo Golden-Rouge, der ja auch schon die Eignung gewonnen hat, ist für mich ein ganz herausragendes Pferd gewesen mit einem relativ hohem Blutanteil der Mutter." Begeistert war er auch vom zweitplatzierten, dem ebenfalls fünfjährigen Kros unter dem Sattel von Jens Hoffrogge (Wertnote 8,70): "Nicht minder in der Qualität, grandios. Ein ganz, ganz tolles Pferd, von dem man noch hören wird."

Der dunkelbraune Hengst stammt ab von Ajbek, einem Sohn des Agar, der auch als Muttervater für die beiden gekörten Halbbrüder Avatar und Adorator verantwortlich zeichnet. Reichlich Siege und Platzierungen selbst in reinen Springpferdeprüfungen bis Klasse L zeichnen diesen erst fünfjährigen Hengst bereits jetzt als überdurchschnittlichen Leistungsträger aus. Inwieweit Kros jedoch auch züchterisch Chancen bekommt, muss sich erst noch zeigen. In dieser Saison war er über das Landgestüt Warendorf zu beziehen und gehörte dort sicher nicht zu den Vieldeckern. Dem kernigen Polen mag man die blutbetonte Genetik nicht ansehen, züchterischer Nutzen jedoch wäre ihm sehr zu wünschen. Seit der einstige Geländepferdechampion Avatar als Wallach von der Zuchtbühne abgetreten ist, ist es dieser Tage also Jens Hoffrogge vorbehalten, polnischen Outcross im Namen der Elchschaufel im Sattel von Kros und Adorator sportlich zu promoten. So verschieden die beiden Hengste auch äußerlich sind, genetisch sind sie nicht nur gemeinsame Enkel des Agar, sie stehen mit 55 und 62 Prozent auch beide recht hoch im Blut.

Die weiße Schleife sicherte sich mit der Note 8,50 Malachit von Hirtentanz aus einer Sixtus-Mutter. Züchter und Besitzer des dunkelbraunen Wallachs ist Mario Widmar, vorgestellt wurde er von Anna-Kristina Höhl. Noch einmal Reitmeister Martin Plewa: "Ein sehr gutes Pferd mit einer super Galoppade."

Apropos Hirtentanz. Was machten die Trakehner nur ohne Hirtentanz in Sport und Zucht? Einmal mehr dominiert Hirtentanz die vielseitige Genetik auf dem Bundesturnier omnipräsent in allen Disziplinen. Höchstselbst gewann der Hengst die Hauptspringprüfung der Klasse S unter dem Sattel von Philip Hartmann, nachdem er zuvor zwei Mal als Zweitplatzierter auch in M an prominenter Stelle rangiert war.

Die aktuellen springbetonten Trakehner Jungpferdechampions sind beide Enkel des Hirtentanz. Geländepferdechampion Danonicus ist ein Sohn des Klosterhofer Abendtanz und damit ein väterlicher Enkel des Hirtentanz. Der an diesem Wochenende ebenso in den Ergebnislisten omnipräsente Springpferdechampion Tecumseh führt Hirtentanz als Muttervater. Ganz nebenbei stellt Hirtentanz mit Pettersson dann auch den Reitpferdechampion der 4-jährigen Stuten und Wallache in der gänzlich sprungbefreiten Vierecksdisziplin. Mit Sweetwaters Ziehten von Abendtanz nahm in dieser Woche ein weiterer gekörter Enkel des Hirtentanz gleich vier Schleifen aus Viereck, Parcours und Gelände mit nach Hause, darunter die Siegerschleife der kombinierten Prüfung.

Unzählige Male findet man das Erbe des Hirtentanz in den Ergebnislisten aller Prüfungen, springbetont, aber auch gänzlich "flat". Der sympathische schwarzbunte Allrounder dominiert besonders die springbetonte Trakehner Zucht seit vielen Jahren, und das nicht ohne Grund. Vielseitige und rittige Pferde für alle Ansprüche und Disziplinen liefert der Hengst zuverlässig, entsprechend beherrscht er im Alter von 15 Jahren mit seinen Söhnen und Enkeln nun auch die züchterische Bühne jenseits aller reinen Trakehner Dressurgenetik.

Ein Bild aus dem Archiv: Quilebo vor einem Jahr beim Bundeschampionat - Danke an die Züchterin Iris Wenzel

Offen ausgeschrieben hatte der Verband die L-Geländepferdeprüfung, bei der das Richtergremium den Oldenburger Quilebo mit einer glatten 9 vorne sah. Quilebo, der sechsjährige Sohn des Quattro B ist zur Hälfte Selle Française, zur anderen Hälfte reinstes Vollblut mit einer sehr prominenten Halbschwester:



Die einzige Vollblutstute, die bislang in Westfalen den Titel "Elitestute" erringen konnte: More Thorougbred xx, die Quilebo-Halbschwester / © Sabine Brandt

Mutter Miami Song xx von Lecroix xx ist auch Mutter zu More Thoroughbred xx, die seinerzeit als Siegerin des Schaufenster Vollblut in Münster Handorf in aller Munde war. Kurz darauf wurde sie vom Westfälischen Pferdestammbuch zur Elitestute in Westfalen erkoren, ein bis heute einzigartiger Status für eine Vollblutstute. Mit ihrem ersten Sohn von Olympiasieger Desperados lieferte More Thoroughbred xx sogleich einen gekörten Sohn für die Warmblutzucht, ein weiterer Sohn von Fürst Heinrich wurde 2016 in Redefin gekört. Ein zwei Jahre jüngerer Vollbruder zu Quilebo pflegt bereits seine Affinität zu bunten Stangen..


Im Sattel von Quilebo saß Christoph Wahler, der auch den oben schon erwähnten Danonicus (Wertnote 8,60) von Abendtanz aus einer Zöllner xx-Mutter auf den zweiten Platz ritt. Grossvater Zöllner xx deckte auch einige Zeit bei Burkhard Wahler auf dem Klosterhof und ist einer von mehr als einem Dutzend Söhnen des Dashing Blade xx, die seinerzeit die Warmblutzucht bereicherten. Züchterische Impulse jedoch vermochte keiner zu setzen.


Danonicus und Christoph Wahler unterwegs / © Trakehner Verband - Stefan Lafrentz

Als bester Trakehner in dieser Prüfung wurde Danonicus zum Trakehner-Geländechampion gekürt. Ein selbstbewusster Reiter: "Die beiden waren sehr gut, das muss ich sagen. Die beiden haben auch vorher schon gute Sachen gemacht, deshalb kam das nicht so ganz überraschend." Und auch ein zufriedener: "Es ist natürlich schön, wenn sie beide so vorne sind, das hat man ja jetzt nicht ganz oft und insofern hat mich das schon sehr gefreut."


Den dritten Platz aus der A-Prüfung wiederholten Anna-Kristina Höhl und Malachit, die für die zweite Runde von den Richtern mit der Note 8,40 bewertet wurden. Zehn der 22 Starter in dieser Prüfung schieden aus oder beendeten den Ritt vorzeitig, vornehmlich war das feuchte Element der Grund dafür.

Martin Plewa: "Die Qualität der Pferde war eigentlich sehr gut, eher sogar eine etwas überdurchschnittliche Qualität, auch wenn einige am Wasser ausgeschieden sind. Es [das Wasser] war nicht zu schwer, aber optisch unfreundlich. Unter den Bäumen war für die Pferde kein Kontrast erkennbar, sie konnten nicht sehen, wo sie hin sprangen." Christoph Wahler zum Gelände: "Wenn man nach Hannover fährt, weiß man, womit man rechnen muss, welche besondere Anforderungen da sind. Da ist einerseits zum Beispiel ein relativ schwieriges Wasser, auf der anderen Seite wechselt man häufig den Platz. Die Pferde sollten schon ein bisschen routiniert sein, sonst wird es in Hannover nicht leicht. Aber es waren flüssige, harmonische Kurse. Es hat Spaß gemacht, darüber zu reiten." Und im Resümee: "Es war nicht zu schwer, aber durchaus anspruchsvoll."


Der neue Champion der Trakehner / © Trakehner Verband - Stefan Lafrentz

Burkhard Wahler ist der Züchter des neuen Trakehner-Champions, der nun seit zwei Jahren unter dem Beritt seines Sohnes ist. O-Ton Christoph Wahler: "Danonicus ist vierjährig zu mir nach Warendorf gekommen. Er ist dann auch so seine erste Eignung gegangen und mausert sich langsam zu einem richtig guten Vielseitigkeitspferd." Allerdings auch mit entsprechender Entwicklung: "Ich muss ehrlich sagen, Anfang fünfjährig hat er mich noch gar nicht so vom Hocker gehauen." Und der Blick in die Zukunft, auch in Richtung Weltmeisterschaft der jungen Vielseitigkeitspferde im Oktober in Le Lion d'Angers: "Ja, ich liebäugel da so ein bisschen mit, da hätte ich Lust drauf, da würde ich gerne hinfahren." Das dann über die Station Warendorf: "Aber da will ich jetzt erst einmal das Bundeschampionat abwarten und schauen, wie er sich im Vergleich mit den anderen richtig guten Sechsjährigen schlägt."


Sabine Brandt & Klaus Kurk

Alle Ergebnisse des Turniers sind bei  equi-score  hinterlegt.

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