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11.08.2026 - KK
E-I-fokussiert: Rodolphe Scherer
Ende 2021 veröffentliche die FN die Nachricht, dass der französische Olympia- und Fünf-Sterne- Reiter Rodolphe Scherer der neue Disziplintrainer Gelände der deutschen Vielseitigkeitsreiter werden würde.
Rodolphe Scherer
Rodolphe Scherer erinnert sich an die Zeit bis zur Entscheidung: „Eigentlich wollte ich noch bis nach den Olympischen Spielen in Paris aktiv reiten, dann aber kam der Vorschlag der Deutschen, doch für sie zu arbeiten. Peter [Thomsen] hat mich eines Abends angerufen und sich am Ende des Telefonats mit ‚Du kannst Dir das jetzt die ganze Nacht überlegen. Schlaf gut, ich rufe Dich morgen wieder an‘ verabschiedet.“
„Ich hab‘ dann nicht wirklich viel geschlafen, habe mich viel mit meiner Frau unterhalten. Ich war sehr stolz darauf, was die Deutschen über mich gedacht haben. Am Ende war es für mich eine herausragende Möglichkeit und ich habe ihm zugesagt. Wenn du die Chance bekommst, für eine der stärksten Nationen tätig zu werden, dann musst du zugreifen. So eine Chance kommt nur einmal, nach Paris wäre sie sicher weg gewesen. In dieser Liga sind nur wenige Länder, vielleicht noch England, Frankreich, die USA oder Neuseeland. Deutschland hat eine große Historie im Pferdesport, vergleichbar sind damit eigentlich nur Frankreich und England. Ich glaube, mein Vater wäre sehr stolz auf mich und hätte mir auch zugeraten. Er hatte immer viel Respekt vor den deutschen Reitern. Er hätte überlegt, wen haben sie im Moment: Michi, Julia, Sandra - und dann gesagt, mach das.“
„Als ich meinen Kindern von dem neuen Job erzählt habe, hat mich mein Sohn gefragt, ob ich auch Michi Jung trainieren würde, um dann klar zu stellen ‚wie willst du Michi Jung trainieren, der ist viel besser als du‘. Er hatte alle Lacher auf seiner Seite. Aber das ist besondere an ihm und auch an Julia: Sie hören nie auf, noch besser zu werden. Wenn du mit ihnen das Gelände abgehst, fragen sie immer, wie könnte es noch besser gehen. Sie wollen sich weiter entwickeln - und das macht meinen Job dann einfacher. Wenn sie Weltmeister werden, denken sie schon an das nächste Championat, weil die Leistung von heute da wahrscheinlich nicht mehr reichen wird.“
„Mit der Entscheidung für den Trainerjob in Deutschland war mir klar, dass ich keine Championate mehr für mein Land reiten werde, das passt nicht zusammen. Es ist aber auch besser, jetzt die Seiten zu wechseln als dann, wenn dir andere sagen, es wäre besser, nun aufzuhören.“
Nach dem tragischen Reitunfall von Peter Thomsen hat Rodolphe Scherer vorübergehend von den Verbandsverantwortlichen die Führung des Trainerstabes der deutschen Vielseitigkeitsreiter übertragen bekommen. Seine Aufgaben als Disziplintrainer Gelände übernimmt parallel zu seinem Amt als U25-Bundestrainer Andreas Dibowski.
Aber erstmal ein paar Schritte zurück:
„Ich komme aus einer Reiterfamilie. Schon mein Vater hat selber bis Vier-Sterne geritten und war früher französischer Nationaltrainer für die Junioren und Jungen Reiter. Da bin ich mit den Pferden aufgewachsen und habe ihn viele Jahre begleitet. Als ich siebzehn war, habe ich die Schule beendet und meine Profikarriere begonnen. Drei Mal habe ich als Junior an den Europameisterschaften teilgenommen, drei Mal als Junger Reiter und vier Mal als Senior. Jeweils zwei Mal war ich bei den Olympischen Spielen und den Weltmeisterschaften dabei“ beschrieb Rodolphe Scherer nahezu im Steno-Stil seinen sportlichen Werdegang.
Ob vergessen oder Understatement sei dahin gestellt, es fehlen auf jeden Fall die Erfolge, die der 1972 geborene Franzose dabei eingesammelt hat: Von seinem letzten Championat als Junior kam er als Vizeeuropameister zurück und verhalf seinem Team zur Goldmedaille, zwei weitere Mannschaftstitel folgten als Junger Reiter. Bei den sechs Championaten im Nachwuchsbereich platzierte er sich insgesamt vier Mal in den Top-10 der Einzelwertungen.
Zwei Mal war er als Senior dabei, als die Équipe Tricolore kontinentales Silber gewann, ebenso wie bei der WM 1998 in Rom (11. der Einzelwertung). Zwei Jahre zuvor feierte er in Atlanta ein sehr gelungenes Olympia-Debüt mit dem 4. Team-Platz. Bei den Spielen 2000 in Sydney wurde er als bester Europäer 4. hinter David O’Connor (USA), Andrew Hoy (AUS) und Mark Todd (NZL). Die FEI hat 288 internationale VS-Starts (seit 2002) mit vier Siegen und insgesamt fast 70 Top-10-Ergebnissen inklusive Pau und Burghley gespeichert. Drei Wochen nach seinem 20. Geburtstag hat er sich erstmals der Herausforderung Badminton gestellt.
Bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land, 2014 in der Normandie, belegte er den 19. Platz in der Einzelwertung. Dieses Wochenende ist Rodolphe ganz besonders in Erinnerung geblieben: „MAKARA DE MONTIEGE war eigentlich das Pferd meiner Frau. Sie hat es mir zur Verfügung gestellt, als sie schwanger wurde. Nach den Europameisterschaften in Fontainebleau [2009] haben wir die Stute an Austin O’Connor verkauft - und sie zurückgenommen, als klar war, dass die beiden nicht zusammen passen. Der nächste Höhepunkt war dann die Weltmeisterschaft bei uns. In der Nacht zu Mittwoch sind wir in Caen angekommen, hatten ein Quartier etwa einen Kilometer entfernt - und am Morgen der Dressur ist mein Vater gestorben. Die Trainer haben mich gefragt, ob ich überhaupt reiten wolle und ich habe nur gesagt, dass mein Vater hier sei und wolle, dass ich reite. Viele der Zuschauer am Samstag auf der Geländestrecke kannten meinen Vater, da er ja sehr lange als Trainer gearbeitet hatte. Sehr viele haben mir zugerufen ‚Bon route, Ivan [Vorname des Vaters]‘ und mich damit richtig gepusht - das war schon außergewöhnlich. Am Sonntag vor dem Springen gab es eine Schweigeminute für ihn. Als ich dann später ins Stadion ritt, war es extrem still, aber nach unserer fehlerfreien Runde, es war die erste auf diesem Level, brachen richtige Jubelstürme los. Das war für mich schon sehr bewegend. Meine Frau war mit unseren Kindern da, meine Mutter war da und ich glaube, in dem Moment war die ganz Vielseitigkeitsfamilie mit meinem Vater da. Manchmal hast du in diesem Sport die guten Erinnerungen an deine Siege, manchmal hast du erstaunliche Momente, wenn du verlierst. An diesem Tag kam für mich alles zusammen. Ich war traurig, bedrückt und glücklich - alles in einem einzigen Augenblick.“
Inselzeit:
„Ich habe viele Jahre in Frankreich geritten und habe nach den Olympischen Spielen in Atlanta die Entscheidung getroffen, nach England zu gehen. Ich war in Frankreich geboren, habe alle Jahre dort gelebt, schon mein Vater war Profi in Frankreich. Da dachte ich, ich müsse mal raus und habe zunächst drei Monate bei Andrew Nicholson verbracht, um dann für ein Jahr zu Lars Sederholm zu gehen. Er war einer der Top-Trainer in England, Yogi Breisner und viele der Spitzenreiter haben mit ihm trainiert. Anschließend habe ich meine eigene Anlage gepachtet und war insgesamt sieben Jahre in England. Es war eine gute Erfahrung für mich. Es war wie eine andere Welt und dazu die vielen Turniere. Nach der Geburt unserer ersten Tochter haben wir uns entschieden, nach Frankreich zurück zu gehen. Es war sehr teuer, in England eine eigene Anlage zu kaufen. Auch das Leben dort ist sehr teuer, da brauchten wir mehr und mehr Geld und mussten mehr und mehr Pferde verkaufen - und das war nicht das, was ich wollte. In Frankreich hatte ich ein hohes Ansehen und ich liebe das französische Essen. Hinzu kam, dass ich einige Pferde für französische Züchter geritten habe.“
Mit SONG DU MAGAY im letzten 5*-Cross als Reiter in Pau 2022 …
… und tags zuvor im Frack auf dem Viereck
Eine Momentaufnahme aus der Heide mit seinem WM-Pferd MAKARA DE MONTIEGE in Luhmühlen 2014
© Rainer Jakob
Der Ausbilder:
„Parallel zu meiner eigenen Reiterei habe ich schon früh angefangen, auch zu unterrichten. In der Vielseitigkeit ist es schwierig, von den Preisgeldern zu leben, da gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder du verdienst dein Geld mit dem Verkauf von Pferden oder du gibst Reitunterricht - und in der Tradition unserer Familie habe ich mich für das Unterrichten entschieden. Ich mag das lieber, denn, wenn du Pferde verkaufen willst, musst du deine guten Pferde verkaufen, die bringen schließlich das meiste Geld. Ich glaube auch, dass mit der Ausbildung die eigene Entwicklung weiter geht, weil du immer beobachten und viel über den Sport und halt die Entwicklung nachdenken musst. Ich gebe das weiter, was ich weiß - und lerne mit diesen Reitern ständig dazu.“
„In unserem Sport solltest du nie vergessen, dass du drei Disziplinen hast, aber nur ein Pferd. Wenn du dich in der Dressur verbesserst, ist das gut für die Punkte, aber auch gut für den Parcours. Und wenn dein Pferd besser springt, ist es auch besser fürs Gelände - aber du musst immer bedenken, es ist dasselbe Pferd. Wenn du es zum Beispiel mit der Dressur übertreibst und hast dafür im Springen drei Fehler, hast du nichts gewonnen. Überspringt sich dein Pferd im Parcours, bleibt dabei vielleicht noch fehlerfrei, aber du hast einen Stopp im Gelände, dann hast du keinen guten Job gemacht. Die Hauptaufgabe ist, die richtige Balance zu finden.“
Seine bekannteste Schülerinnen ist Vicky Scott-Legendre aus Südafrika, die als 1*-Reiterin zu ihm kam und später ihr Land in Tryon und Tokyo vertreten hat.
„Die indische Mannschaft habe ich Anfang 2018 übernommen und in dem Jahr bei den Asian-Games betreut. Wir konnten die Silbermedaille mit dem Team gewinnen. Für die Inder war es das beste Resultat seit 1982. Dazu kam noch Einzelsilber für SEIGNEUR MEDICOTT [vormals 4*-Sieger in Blenheim und Luhmühlen mit Bettina Hoy] und Fouaad Mirza. Die Begeisterung in Indien über diese Erfolge war riesengroß.“
„Die Olympischen Spiele sind schon sehr wichtig, weil sie jeder kennt, Badminton und Burghley sind wichtig, weil sie legendär sind. Früher war für mich auch die Weltrangliste wichtig, weil es nicht nur eine Etappe beleuchtet, sondern weil es die ständige Präsenz zeigt. Jedes neue Pferd, jeder neue Besitzer waren eine neue Herausforderung. Mit jedem Pferd lernst du dazu, das ganze Leben lang.“
Das Umfeld:
„Ohne meine Frau Aude wäre dieses Leben gar nicht so machbar, ich bin ja mittlerweile fast mehr unterwegs als zuhause. Wir haben drei Kinder, auf unserer Anlage stehen siebzehn Pferde und sie kümmert sich um alles, wenn ich weg bin. Sie ist diejenige, die mir den Rücken frei hält.“
„Klar kannte ich Peter [Thomsen], wir waren uns ja auf vielen Turnieren begegnet. Dennoch hatte ich nie mit seinem Anruf gerechnet. Aus dem losen Kontakt ist in den letzten zwei Jahren eine richtige Freundschaft entstanden. Ich habe viel von ihm gelernt und profitiere von seinem Wissen und seiner Erfahrung. Auch jetzt telefonieren wir jede Woche und es freut mich zu hören, dass es ihm besser und besser geht. Es ist sicherlich noch ein langer Weg, aber er kann in der Reha schon wieder etwas spazieren gehen und ich freue mich darauf, wenn er wieder zurück ist.“
Rodolphe über Unterschiede in verschiedenen Bereichen:
„Als ich in 2018 das indische Team übernommen habe, sind wir wie mit einem weißen Blatt Papier gestartet und in Deutschland trainierst du die Gewinner. Es ist eine große Verantwortung, aber wir haben sehr talentierte Reiter und ein tolles Trainerteam.“
„Die Engländer leben in diesem Sport in einer anderen Welt, die vielen Turniere, die vielen Sponsoren und Pferdebesitzer. Frankreich und Deutschland sind da eher vergleichbar, die gleichen Chancen, aber auch die gleichen Probleme.“
„Die Deutschen sind schon gute Lehrmeister, alles ist diszipliniert, sie haben gute Pläne für alle Phasen. Bei den Franzosen geht es fürs Gelände eher so ab, dass die Reiter schauen, wo ist Rot, wo ist Weiß, um dann eine gute Leistung zu bringen - unabhängig davon, was der Trainer gesagt hat. Die Franzosen verlassen sich da eher auf ihr Gefühl, manchmal halt eben auch zu viel. Da reiten die Deutschen doch mehr mit ihrem Kopf.“
Was andere sagen:
„Rodolphe Scherer kenn ich noch aus seiner aktiven Zeit. Ich schätze ihn als sehr Team-fähig ein und er hat die entsprechende Kompetenz für diese Aufgabe“ so Reitmeister Martin Plewa (Bundestrainer von 1985 bis 2000) kurz nachdem Rodolphe Scherer ins Trainerteam integriert wurde.
„Rodolphe ist einer der besten französischen Vielseitigkeitsreiter. Er kann sehr unterschiedliche Pferde reiten und ausbilden und vor allem deren Langlebigkeit gewährleisten. Wenn ich meine Pferde einem Reiter anvertrauen müsste, wäre es er, denn er hat einen sehr klassischen Reitstil, und ich weiß, dass er sie unter besten Bedingungen reiten wird“ lobte ihn sein französischer Teamkollege Cédric Lyard.
„Rodolphe, der hat immer eine Lösung…“: Jérôme Robiné, Mitglied des Goldteams der Europameisterschaft in Blenheim 2025
Der Blick in die Zukunft:
„Deutschland hat eine starke Gruppe von Nachwuchsreitern, da ist eigentlich die ganze Truppe aus Warendorf mit Jérôme [Robiné], Libussa [Lübbeke], Anna Lena [Schaaf], Calvin [Böckmann] und auch den anderen. Es war vor einigen Jahren eine sehr gute Entscheidung, die Entwicklung dieser Reiter in die Hände von Julia [Krajewski] zu legen, das war schon sehr clever. Sie hat es aus Warendorf heraus ganz nach oben geschafft und war da für die jungen Leute ein tolles Vorbild. Sie ist eine exzellente Reiterin in allen drei Disziplinen und eine perfekte Trainerin. Sie ist sehr kompetent und die Reiter hatten in der Mitte der Bahn eine Olympiasiegerin stehen.“
„Wenn du eine gute junge Generation hast, ist das auch für die ältere Generation gut, da sie sich gegenseitig zu besseren Leistungen pushen. Für Los Angeles bin ich da wirklich guter Dinge. Die älteren sind dann immer noch da, aber die jungen Leute drängen nach vorne. Ich freue mich immer nach Warendorf zu kommen und diese Entwicklungen zu beobachten. Die jungen Leute respektieren die Top-Reiter, sie jagen sie aber auch, und die älteren Reiter unterstützen die Nachwuchsreiter - und das ist halt Teil des Trainerjobs, auch dort die passende Balance zu finden.“
„Mit Blickrichtung auf Olympia wird die Hauptaufgabe wahrscheinlich sein, alle motiviert zu halten, weil es eben nur diese drei Plätze gibt. Wenn dann ein Michi und eine Julia vor dir stehen, dann wird es mit dem Platz im Team schon ganz schön eng. Und da fängt unsere Aufgabe an, allen zu zeigen, dass die Türen offen stehen und es jeder schaffen kann, niemand weiß, was auf dem Weg dahin passiert. Das ist so ein bisschen wie mit Alina [Dibowski], die hatte Anfang 2022 auch niemand so wirklich auf dem Schirm für die Weltmeisterschaft, aber sie hat sich dann in der Saison toll entwickelt und wir haben sie mit nach Pratoni genommen.“
„Ich wünsche mir, dass die guten Reiter in Deutschland mehr gute Pferde bekommen. Das ist aus meiner Sicht so etwas das Problem, ähnlich wie in Frankreich. Die meisten Top-Reiter haben selten mehr als ein Top-Pferd. Die guten englischen Reiter reiten jedes Jahr über vielleicht fünf oder sechs Fünf-Sterne-Kurse und sammeln Routine, die sie dann auf Championaten ausspielen können. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass es auch mal sechs deutsche Starter in Badminton und Kentucky gibt und dann auch noch vier in Burghley und nochmal sechs zum Saisonende in Pau.“
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